Uwe Wanger

© Jan-Michael Böckmann, Kiel-Marketing e.V.

Im Interview mit Uwe Wanger
Leinen los & auf zu neuen Ufern

Nach zwei Jahrzehnten an der Spitze von Kiel-Marketing verabschiedet sich Geschäftsführer Uwe Wanger in den Ruhestand. Kaum jemand hat das Bild der Stadt in dieser Zeit so kontinuierlich mitgeprägt – durch Veranstaltungen, neue Orte, internationale Großformate und eine Leidenschaft für die Marke Kiel.Sailing.City. In seinem Abschiedsinterview schaut er zurück auf prägende Projekte, wagt einen Blick in die Zukunft, und erzählt, wie aus dem sauerländischen „woll“ ein norddeutsches „Moin“ wurde.

Uwe, du bist im Sauerland groß geworden, weit weg vom Meer. Wann hast du die Ostsee lieben gelernt?

1973 war ich mit der Schulklasse zum ersten Mal in Kiel. Wir durften die Gorch Fock besichtigen, waren an grauen Tagen am Strand und haben die Stadt von einer rauen, aber sehr faszinierenden Seite kennengelernt. Und dass, obwohl Kiel damals noch ganz anders aussah – Blick auf Schrotthalden auf dem Ostufer, kaum Cafés in der Innenstadt. Trotzdem habe ich mich in Kiel verliebt. Ich fand es so faszinierend, dass die Gorch Fock hier war, die Marine, die Strände vor der Tür! Dazu kamen die Geschichten aus meiner Familie: Zwei meiner Onkel waren U-Boot-Fahrer und fuhren von Kiel aus. Somit hatte ich früh das Gefühl, dass diese Stadt ein Teil meiner DNA ist. Schnell war klar: Wenn ich studiere, dann hier.

Uwe Wanger neben Schiffsglocke auf der Gorch Fock

Als du dann hierhergezogen bist, gab es den sprichwörtlichen Kulturschock?

Eigentlich nicht – allerdings hatten meine Kommilitonen und ich so manches Mal Verständigungsschwierigkeiten. Wenn ich jemanden fragte: „Wo kommst du weg?“ war da immer Unverständnis. Dabei wollte ich doch nur wissen, wo derjenige herkommt. Und auch mein ständiges „woll“ am Satzende – quasi das „gell“ des Sauerländers – hat für Irritation gesorgt. (lacht)

Hat es denn lange gedauert, bis das „Moin“ drin war?

Nein, das ist eine tolle Sache mit dem „Moin“. Der normale Sauerländer kriegt den Mund auch nicht richtig auf, genauso wie so ein Schleswig-Holsteiner und so passte das irgendwie von Anfang an.

Wie kam es dazu, dass du 2006 Geschäftsführer von Kiel-Marketing wurdest?

Ich suchte eine neue Beschäftigung, nachdem ich viele Jahre selbstständig mit einer Werbe- und Kommunikationsmarketingagentur gewesen war und zuletzt eine Unternehmensberatung gegründet hatte. Dort zeigten aber alle Zukunftswege nach China – das wollte ich mit meinen Kindern nicht. Auf einer Kieler-Woche-Wirtschaftsfahrt sprach mich Michael Zeinert von der IHK zu Kiel an, der damals Interims-Geschäftsführer von Kiel-Marketing e.V. war. Zunächst habe ich abgelehnt. Am nächsten Morgen stand dann in der Zeitung, dass die Stelle schwer zu besetzen sei. Meine Frau sagte daraufhin: „Das ist genau das Richtige. Dann kannst du in Kiel bleiben und musst nicht ständig durch die Welt reisen.“ Ich brachte viel Erfahrung in Unternehmensführung, Marketing, Kommunikation und der Organisation von großen Veranstaltungen mit. Nur eines hatte ich nicht: seglerische Erfahrung. Aber das war auch nicht entscheidend. In erster Linie ging es darum, Segeln als Marketing Instrument für eine Stadt zu nutzen und das Beste für die Marke Kiel.Sailing.City rauszuholen – und so war einer meiner ersten Maßnahmen im Job, die Marke im Tourismus und im Stadtmarketing für Kiel auch einzuführen.

Uwe Wanger

Würdest du sagen, dass sich deine Rolle als Geschäftsführer über die Jahre verändert hat?

Ja, deutlich. Wir sind von rund 24 Mitarbeitenden auf heute über 60 gewachsen – da kann man sich nicht mehr um jedes Detail kümmern. Ich habe früh darauf geachtet, qualifizierte Bereichs- und Abteilungsleitungen zu haben, die eigenständig arbeiten. Anfangs war ich sehr nah an allen Projekten, heute geht es mehr um Vertrauen, Steuerung und darum, Verantwortung abzugeben.

Fällt es dir schwer, Dinge aus der Hand zu geben?

Nein. Wenn man sieht, dass gute Arbeit gemacht wird und die richtigen Leute am richtigen Platz sind, macht mich das eher stolz. Mein Führungsstil ist bewusst so, dass andere in die erste Reihe treten können und ich nicht immer vorne stehen muss.

Uwe Wanger auf der Gorch Fock

Hattest du bestimmte Lieblingsveranstaltungen, auf die du immer besonders gerne gegangen bist?

Ja, samstags zum Fußball. (lacht) Aber mal im Ernst: Ich bin eigentlich nie morgens aufgestanden, ohne Lust auf die Arbeit zu haben. Ich mochte jede Veranstaltung auf ihre Art, weil das, was wir hier bei Kiel-Marketing machen, unheimlich sinnstiftend ist. Wir sorgen dafür, dass sich Kieler mit der Stadt identifizieren können und sich wohlfühlen, und schaffen Anlässe für Gäste, nach Kiel zu kommen.

Anlässe wie Lichtermeer, Bauernmarkt, Eisfestival und Co?

Genau. Von Anfang an war mir klar, dass Eventmarketing der richtige Weg für Kiel ist. Veranstaltungen haben eine Doppelfunktion: Sie sind für die Stadtgesellschaft da und machen Kiel zugleich national und international sichtbar. Tourismus-, Stadt- und Eventmarketing greifen dabei ineinander. Wir kommunizieren immer als Ganzes – für Gäste und für die Menschen vor Ort.

Wo ist dir und deinem Team besonders gelungen, die Aufenthaltsqualität in der Stadt zu beflügeln?

Ein gutes Beispiel ist der Bootshafensommer. Mit ihm haben wir einen neuen Veranstaltungsort und echten Nukleus in der Innenstadt geschaffen – umsonst und draußen, für jeden zugänglich. Studenten, Schüler und alle, die abends gerne mal irgendwo hingehen wollen, kommen her. Ein weiteres Beispiel ist das Segelcamp an der Kiellinie. Trotz Widerstände ist dort mit Gastronomie und später einer Badestelle ein echter dritter Ort entstanden. Heute trifft man sich hier unglaublich gerne nach Feierabend – bei gutem und bei schlechtem Wetter –, geht vorbei, holt sich ein Fischbrötchen, springt ins Wasser, fährt SUP, spielt Volleyball oder sitzt einfach nur am Wasser und schaut den Kindern dabei zu, wie sie segeln lernen. Da ist etwas an der Kiellinie etwas entstanden, das heute ganz selbstverständlich zum Stadtleben gehört. Gehört übrigens auch zu meinen persönlichen Lieblingsorten in Kiel. Sogar die Aussicht auf die Werftkräne habe ich mittlerweile liebgewonnen. (lacht)

Segelcamp Kiel

Gibt es weitere Projekte, auf deren Umsetzung du besonders stolz bist?

Ja, zwei sogar. Das erste ist das Ocean Race. Uns war immer wichtig, Segeln für die Menschen direkt an der Förde erlebbar zu machen – in einem Format, das verständlich ist. Nicht so wie bei der Kieler Woche, wo die Boote irgendwo draußen segeln und man sich fragt, wer eigentlich gewonnen hat. Deshalb haben wir attraktive, publikumsnahe Formate entwickelt. Daraus entstand auch die Idee, das Ocean Race nach Kiel zu holen. Die Boote, die Seglerinnen und Segler, die Präsenz von Boris Herrmann, die Begeisterung der Menschen, ein riesiges Spektakel an der Kiellinie – das war ein echtes Highlight. Der Erfolg hat bestätigt, dass Kiel genau das richtige Publikum für solche Formate hat. Das Ocean Race war übrigens auch der Grund, warum ich zwei Jahre länger geblieben bin – das wollte ich unbedingt noch unter Dach und Fach zu bringen.

Uwe Wanger

Und das zweite Projekt?

Ich bin sehr stolz auf die Entwicklung der Kieler Weihnachtsmärkte. Das war ein extrem langer Prozess – acht Jahre hat es gedauert, bis wir eine neue Weihnachtsmarktlandschaft etablieren konnten. Früher war der Weihnachtsmarkt in der Holstenstraße keine echte Attraktion – und im Winter in der Stadt touristisch kaum was los. Dabei wussten wir, dass Weihnachtsmarkttourismus ein riesiger Markt ist. Trotzdem gab es massive Widerstände: von Marktbeschickern, aus der Politik, aus der Verwaltung. Die Idee eines zweiten Weihnachtsmarktes auf dem Rathausplatz wurde lange abgelehnt. Als wir dann aber endlich starten konnten, haben sich die Besucherzahlen direkt verdoppelt. Plötzlich entstand ein stimmungsvoller Markt mit eigener Identität – und am Ende wollten alle dabei sein. Heute haben wir mehrere Weihnachtsmärkte in der Stadt und Kiel hat damit die besucherstärksten Weihnachtsmärkte im Norden.

So wie du hier sitzt, aber auch wie du im Joballtag unterwegs bist, strahlst du so eine Leichtigkeit aus. Wie bewahrt man diese, wenn man so viel im Blick behalten muss?

Ein wichtiger Punkt ist, Leute um sich zu haben den man voll vertrauen kann, die gute Arbeit machen – genau das hatte und habe ich! Wenn ich weiß, dass andere übernehmen können, bin ich entspannter. Man merkt mit der Zeit auch, dass man nicht der wichtigste Mensch der Welt ist – und das ist entlastend und trägt zur Leichtigkeit bei. Dazu kommt ein stabiles privates Umfeld. Meine Familie ist mein sicherer Hafen.

Apropos Familie: Was bedeutet es dir, dass deine Frau dich über die Jahre so intensiv begleitet und unterstützt hat?

Ohne diesen Rückhalt hätte ich den Job so nicht machen können – ich denk da zum Beispiel an die Termine bis spät abends oder die Wochenenden, an denen ich unterwegs war. All das geht nur, wenn du einen Partner hast, der da mitspielt. Meine Frau hat viele Jahre ihre eigene berufliche Karriere hintenangestellt und sich um unsere zwei Kinder gekümmert. Dieser Halt war enorm wichtig. Zu wissen, dass man jemanden hat, der all das mitträgt und versteht, was dieser Job bedeutet, ist unbezahlbar. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.

Uwe Wanger mit seiner Frau

© Jan-Michael Böckmann, Kiel-Marketing e.V.

Lass uns mal in Richtung Ruhestand blicken. Gibt es etwas, was du deinem Nachfolger Johannes mit auf den Weg geben willst?

Mein wichtigster Rat lautet: Weiter so locker bleiben. Nicht verkrampfen. Für Dinge brennen, Haltung zeigen und auch gegen Widerstände kämpfen. Die gibt es sowieso – immer. Man darf nicht immer bloß diplomatisch sein, sondern muss für etwas stehen und das auch zeigen. Das ist wichtig, gerade als Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit, Wirtschaft, Politik und Verwaltung.

Du hast es dir nie nehmen lassen, an Events wie dem Business Run, dem Lighthouse Swim oder sogar dem Anbaden teilzunehmen und hast jedes Mal aufs Neue bewiesen, wie fit du bist. Meinst du, du wirst auch in Zukunft an solchen abenteuerlichen und sportlichen Veranstaltungen weiterhin teilnehmen?

Ich sag’s mal so: Wenn man einen Job macht, wie ich ihn mache, dann muss man vorangehen. Ich kann von Auszubildenden oder Mitarbeitenden nichts erwarten, wozu ich selbst nicht bereit bin. Beim Anbaden wurde das besonders deutlich: Alle haben gebibbert und hätten sich vermutlich Schöneres vorstellen können, als ins eiskalte Wasser zu springen. Da gehört es als Geschäftsführer dann dazu, mitzumachen und voranzugehen. Dieses Jahr werde ich wohl noch dabei sein, aber im nächsten Jahr bin ich mir da nicht mehr so sicher. (lacht)

Uwe Wanger beim Anbaden

Dann also lieber Dinge, die weniger kalt sind! Hast du Hobbys, die du im Ruhestand wieder stärker in den Mittelpunkt rücken möchtest?

Ich spiele regelmäßig Tennis, Golf habe ich lange vernachlässigt, weil es sehr zeitintensiv war. Das möchte ich jetzt aber wieder ankurbeln. Ich habe mich schon verabredet, um im Frühjahr wieder vernünftig einzusteigen – sobald ich von meiner Urlaubstour zurück bin.

Wo geht's hin?

Wir fahren unter anderem nach China. Ich war sowohl beruflich als auch privat schon häufiger dort, meine Frau aber nie. Jetzt nehmen wir uns bewusst Zeit, gemeinsam das Land kennenzulernen – mit einer kleinen Rundreise. Kiels befreundete Stadt Qingdao ist natürlich dabei, dort besuchen wir Freunde. Mir war es immer wichtig, den Kontakt nach China aufrechtzuerhalten, unabhängig von den wechselhaften politischen Haltungen. Unsere chinesischen Partner sind uns heute noch sehr dankbar, dass wir ihnen damals gemeinsam mit dem Kieler Yacht Club geholfen haben, segeltechnisch die Olympischen Spiele vorzubereiten.

Nicht zu vergessen: der wertvolle Austausch unseres internationalen Segel-Nachwuchs.

Richtig. Wir haben es Kindern aus Kiel schon mehrfach ermöglicht, dort drüben an einer Sailing Week teilzunehmen. Genauso andersrum: Im Mai kommen wieder sechs Kinder aus China zu uns zum Segeln. Das sind bleibende Erlebnisse und Erkenntnisse für die Kinder, die sehr wichtig sind, um sich heute in einer international diversen Welt zurechtzufinden. Ich hoffe daher sehr, dass diese Beziehungen auch künftig weitergeführt werden.

Segelkids in Qingdao

Ich fasse zusammen: Es steht eine aufregende Reise an, gleichzeitig steht dir Ende Januar auch dein Abschied bevor. Was überwiegt aktuell: Freude oder Wehmut?

Die Wehmut wird sicher noch kommen, da bin ich sicher. Aber im Moment überwiegt die Freude auf das, was kommt – und das Gefühl der Zufriedenheit, wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke. Architekten können nach getaner Arbeit auf ihre Gebäude blicken, die dann viele Jahre stehen – bei meiner Marketingaktivität ist das natürlich schwierig. Und dennoch bekomme ich schon jetzt viel Zuspruch und kann selbst sagen: Hier in der Stadt ist schon einiges durch Kiel-Marketing passiert, was bleibt.

Letzte Frage: Findest du das Wort „Ruhestand“ eigentlich genauso irreführend wie ich? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es bei dir nun ruhig wird.

Nein, das glaube ich auch nicht! Wenn man es gewohnt ist, jeden Tag mindestens fünf Termine zu haben, dann fühlt sich Ruhestand sicher erstmal komisch an. Und trotzdem will ich versuchen, mir ganz bewusst mehr Zeit für bisher vernachlässigte Dinge zu gönnen und evtl. auch mal ausschlafen zu können. Als gelernter Designer wird mich die Kreativität nicht so schnell verlassen, wenn es um die Gestaltung meines zukünftigen Tagesablaufs gehen wird.

Schnellfragerunde

Frühaufsteher oder Langschläfer?

Dazwischen.

Optimist oder Realist?

Optimist.

Kiel in drei Worten?

Einfach genial. (Typisch norddeutsch – warum drei Worte, wenn man’s auch in zwei Worten sagen kann?)

Selbst kochen oder essen gehen?

Beides. Ich koche liebend gern.

Lieblingsrestaurant in Kiel?

Ristorante Italiano in Molfsee.

Ordnung oder kreatives Chaos?

Kreatives Chaos.

Risiko oder Sicherheit?

Risiko.

Schönster Familienmoment?

Die Geburt meiner Kinder.

Das Interview führte Finja Thiede.